© T. Schlitt Die neuen Notfallseelsorger und die neuen Hospitanten zusammen mit Thomas Schill und Michaela Ziegler
HOMBERG/EVOGELSBERG (pm). Zu einem Gottesdienst der Dankbarkeit, der Ermutigung und des Segens begrüßte vor kurzem Pfarrer Thomas Schill Einsatzkräfte der Feuerwehr, der Polizei, der Rettungsdienste, des THW, der DLRG und der Notfallseelsorge zum diesjährigen ökumenischen Blaulichtgottesdienst in der katholischen Kirche St. Matthias in Homberg/Ohm. So wie Jesus seine Jüngerinnen und Jünger ausgesandt habe mit dem Auftrag zu heilen, Frieden zu bringen und Hoffnung zu säen, so seien auch die Menschen ausgesandt, die zu Bränden und Unfällen eilen, durch die Nacht und den Sturm, zu Menschen in Angst und Gefahr, sagte der Koordinator der Notfallseelsorge der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) für die Dekanate Vogelsberg, Gießen und Gießener Land. Sein katholisches Gegenüber aus dem Bistum Mainz ist Gemeindereferentin Michaela Ziegler. Gemeinsam mit dem Blasorchester der Freiwilligen Feuerwehr Homberg/Ohm unter der Leitung von Jochen Pietzsch und Organist Karl-Friedrich Dörr gestalteten sie den Gottesdienst, an dem nicht nur viele Haupt- und Ehrenamtliche teilnahmen, sondern auch neue Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger ins Amt gestellt oder als Hospitanten begrüßt wurden. Auch einige Ehrungen gab es, schließlich feierte die Notfallseelsorge im Vogelsberg ihr 25-jähriges Bestehen.
In ihrer Ansprache ging Michaela Ziegler sehr empathisch auf die Einsatzkräfte ein. „Ihr passt auf euch auf, korrigiert und unterstützt euch“, sagte sie. Mit Bezug auf den Bibeltext ermunterte sie die Anwesenden, im Vertrauen auf Gott ihre „Abergeister“ zu bezwingen, also Widerstände zu überwinden. „Ihr hört Menschen zu und lasst sie ausreden, ihr könnt helfen und heilen und doch gelingt nicht alles.“ Dann müssten die Helfenden Scherben aufkehren – auch das sei ein wichtiger Dienst. Dazu gehöre auch, das Belastende, das man mit jedem Einsatz mitnehme, in Gesprächen und auf andere Weise zu verarbeiten. „Ihr seid ausgesendet von Gott mit Kraft und Vollmacht“, rief sie den Helfenden zu – das galt auch für die fünf neuen Notfallseelsorger, die nach ihrer Ausbildung und Hospitanz in den Dienst in Zusammenarbeit mit der Polizei, den Rettungsdiensten und der Feuerwehr aufgenommen wurden: Dr. David Bender, Carina Klimm, Pascal Richner, Jutta Schaper und Marina Wagner sind die neuen Notfallseelsorger im Vogelsberg bzw. Landkreis Gießen. Als neue Hospitanten begrüßten Schill und Ziegler Lena Geis, Marie-Christin Gipp, Barbarra Luck, Britta Müller und Patrik Nowak.
Auf das Jubiläum der Notfallseelsorge im Vogelsberg ging im Anschluss Oberkirchenrat Dr. Raimar Kremer, Leiter des Zentrums Seelsorge und Beratung der EKHN, ein. „Notfallseelsorge ist ein Dienst im Schatten der Katastrophen“, sagte er, „kein einfacher Dienst, sondern ein Weg, der prägt und Spuren hinterlässt.“ Die Notfallseelsorger schafften Raum für Trauer, Verzweiflung und Hoffnung und sie zeigten, dass Professionalität und Mitgefühl keine Gegensätze seien, lobte Kremer das Engagement der Haupt- und Ehrenamtlichen. Für besonders lange Dienste würdigte er mit der Goldenen Ehrennadel der Notfallseelsorge die Pfarrerinnen und Pfarrer Eleonore Merkel (31 Jahre), Christine Müller (28 Jahre), Johannes Hoffmann (25 Jahre, jetzt Koordinator der Notfallseelsorge in Rheinhessen), Sven Kießling (25 Jahre, davon 20 Jahre Leitung der Einsatznachsorge, 10 Jahre in der Feuerwehrausbildung sowie 9 Jahre Fachberater Psychosoziale Notfallversorgung im Katastrophenschutz) und Rolf Ehlert (23 Jahre). Mit der Silbernen Ehrennadel wurden Pfarrer Thomas Schill und Katja Schaper ausgezeichnet.
Kremer stellte im Anschluss Pfarrer Johannes Hoffmann und den Religionspädagogen Christian Reifert als Feuerwehrseelsorger der EKHN vor.
Eindrücke aus dem Dienst der Notfallseelsorge vermittelte im Anschluss Jochen Tobisch. Er berichtete sehr einfühlsam und geprägt von viel Einsatzerfahrung von den Einsätzen und den Emotionen der Notfallseelsorger: „Manche Menschen, die wir aufsuchen, sind starr vor Schreck, können das Ereignis nicht fassen, suchen Schuldige oder werden aggressiv“, berichtete er von möglichen Reaktionen von Betroffenen und Angehörigen, mit denen die Notfallseelsorger umzugehen hätten. Auch wenn man sich manchmal frage, warum man ein solches Amt auf sich nehme, sei es für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen in der Notfallseelsorge genau das Richtige.
Den Dank des Evangelischen Dekanats als Träger der Notfallseelsorge im Vogelsberg überbrachte die stellvertretende Dekanin Luise Berroth. „Sie bringen Kraft, Zeit, Aufmerksamkeit, Mitgefühl, Haltung und Empathie mit“, würdigte sie den Einsatz der Haupt- und Ehrenamtlichen. „Danke, dass es Sie gibt.“
Sowohl der Gottesdienst als auch das anschließende Beisammensein hat eine große Bedeutung für die Einsatzkräfte: Sie nutzen diese Zusammenkünfte gerne zum Austausch und zur Ermutigung und freuen sich auch über die Wertschätzung ihrer Arbeit.
Mitarbeitende der Krisenintervention und Notfallseelsorge bringen mit ihrem ehrenamtlichen Dienst Licht in die Dunkelheit von Unglücksfällen und anderen Krisensituationen. Neu in der Runde begrüßte das Team um die Koordinatoren (ab 2. v. l.) Reinhold Kovacs, Pfarrer Thomas Schill und Diakon Thomas Unkelbach nach erfolgter Ausbildung Andrea Sinn-Behrendt und Edda Schulz-Jahn. Den Blaulichtgottesdienst gestalteten (ab 2. v. r.) Dekan Steffen Held und Pfarrer Ulrich Neff.
Verstärkung hat das gemeinsame Team der Notfallseelsorge und Krisenintervention im Kreis Offenbach bekommen: Katholische und evangelische Kirche sowie der Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) feierten in ihrem Blaulichtgottesdienst in Langen die Beauftragung und Segnung von Andrea Sinn-Behrendt und Edda Schulz-Jahn als Ehrenamtliche in der Ersten Hilfe an der Seele. Schon im Vorfeld waren Maria Bergmann und Kathrin Huth nach absolvierter Ausbildung ins Einsatzteam berufen worden.
„Füreinander und für andere da sein – gemeinsam als starkes Team“ – unter diesem Motto gestalteten Pfarrer Thomas Schill und Diakon Thomas Unkelbach, die von evangelischer und katholischer Seite für Koordination und Begleitung der Notfallseelsorge in der Region verantwortlich sind, zusammen mit Reinhold Kovacs als DRK-Fachberater für psychosoziale Notfallversorgung die feierliche Berufung der beiden neuen Ehrenamtlichen in den markanten violettfarbenen Einsatzjacken.
Den Gottesdienst feierten Langens katholischer Pfarrer Ulrich Neff und der evangelische Dekan Steffen Held mit weiteren Aktiven im Team der Krisenintervention und Notfallseelsorge, mit Vertreter:innen von Feuerwehr und Rettungsdiensten sowie interessierten Gottesdienstbesucher:innen in der Albertus-Magnus-Kirche.
„Ihr geht dorthin, wo andere sich nicht hintrauen“
„Wir sind dankbar, dass es Menschen im Haupt-, Neben- und Ehrenamt gibt, die den Blick nicht von der Not abwenden, sondern hinschauen und auch dahingehen, wo es weh tut; Menschen, die oft Erste Hilfe leisten und manchmal die letzte Rettung sind; die ihre Gesundheit und ihr Leben riskieren und dabei teilweise noch beschimpft und beleidigt werden“, würdigte Dekan Held in seiner Predigt zur biblischen Erzählung von der „Heilung des Gelähmten“ im Markus-Evangelium das große Engagement von Menschen, die sich bei Polizei und anderen Ordnungsbehörden, bei Feuerwehr, Rettungsdiensten, DLRG und THW für das Wohlergehen aller einsetzen.
„Wir freuen uns zudem, dass unser Team in der Krisenintervention und Notfallseelsorge auch in diesem Jahr wieder Verstärkung bekommen hat und sich so viele aktiv bei uns einbringen. Auch ihr geht dorthin, wo andere sich nicht hintrauen, und handelt, damit Menschen in Not geholfen wird und die Einsatz- und Rettungskräfte sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentrieren können“, hob der Dekan des Evangelischen Dekanats Dreieich-Rodgau den „wichtigen Dienst der Nächstenliebe, einen Dienst des Evangeliums für die Gesellschaft“ hervor.
Hintergrund: Krisenintervention und Notfallseelsorge
Im Kreis Offenbach arbeiten die großen Kirchen und das Rote Kreuz seit 1996 in der Krisenintervention und Notfallseelsorge zusammen, um sicherzustellen, dass Menschen in Krisensituationen sowohl psychologisch als auch geistlich bestmöglich betreut werden. Die aktuell 20 ehren- und hauptamtlichen Einsatzkräfte absolvieren rund 50 Einsätze im Jahr.
Die Alarmierung erfolgt in der Regel über die Rettungsleitstelle, wo Notrufe unter der Rufnummer 112 eingehen. Krisenintervention und Notfallseelsorge bieten Betroffenen ebenso wie Rettungs- und Einsatzkräften unmittelbar nach traumatisierenden Ereignissen – wie Unfällen, Unglücken, plötzlichen Todesfällen oder Naturkatastrophen – Unterstützung an, um Betroffene zu stabilisieren und sie durch die erste Phase des Schocks und der Verzweiflung zu begleiten.
Die Krisenintervention konzentriert sich vor allem auf das Auffangen und Stabilisieren von Menschen in Krisensituationen. Sie soll helfen, akute Belastungsreaktionen zu mindern und den Betroffenen in der ersten Notlage zur Seite zu stehen, bis sie wieder handlungsfähig sind oder weiterführende Hilfe in Anspruch nehmen können.
Die von den Kirchen angebotene Notfallseelsorge legt zusätzlich Wert auf die spirituelle und seelische Begleitung. Sie bietet auch religiösen Trost und Gebet, wenn dies gewünscht wird. Notfallseelsorger:innen vermitteln bei Bedarf weiterführende Begleitung durch Pfarrer:innen, Trauergruppen oder ähnliche Angebote.
Artikel und Foto: Kai G. Fuchs